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Angst vor der Dunkelheit?

  • Autorenbild: Suyin Orlowski
    Suyin Orlowski
  • 13. März
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. März

Die Angst vor der Dunkelheit – und warum sie vielleicht eines unserer größten Missverständnisse ist


Jeder Mensch reagiert auf das Wort Dunkelheit mit einem inneren Zusammenzucken. Noch bevor sie überhaupt darüber nachdenken, meldet sich etwas im Kopf: Vorsicht. Gefahr. Unheimlich.


Während meines ersten Aufenthalts in völliger Dunkelheit habe ich darüber erstaunlich oft nachgedacht. Stundenlang. Tage lang. Man sitzt dort – ohne Licht, ohne Ablenkung – und das Gehirn beginnt, alte Geschichten hervorzuholen wie vergessene Kisten aus einem Dachboden.


Warum eigentlich fürchten wir uns so sehr vor der Dunkelheit?

Der erste Verdächtige ist unsere Kindheit. Viele von uns sind mit Geschichten aufgewachsen, in denen das Böse fast immer im Dunkeln lebt. In Märchen, Filmen und Legenden kommen Monster selten bei Sonnenschein. Sie warten angeblich in der Nacht, im Wald, im Keller. Manchmal wurden Kinder sogar mit Dunkelheit bestraft – ein dunkler Raum, ein Keller, eine Drohung. Für ein Kinderhirn genügt so etwas völlig, um ein sehr langlebiges Programm zu installieren: Dunkelheit gleich Gefahr.


Dabei lohnt sich ein kurzer nüchterner Blick auf die Realität.

Gefahren existieren genauso im hellen Tageslicht. Negative Energien entstehen nicht erst nach Sonnenuntergang. Ein wildes Tier wartet auch nicht höflich bis zur Nacht, um gefährlich zu werden. Konflikte, Aggression, Missverständnisse – all das spielt sich fröhlich bei Sonnenschein ab.


Die Dunkelheit selbst hat damit erstaunlich wenig zu tun.

Im Gegenteil. Wenn man einen Moment darüber nachdenkt, beginnt die Logik sogar ein wenig zu wackeln. Der wohl geborgenste Ort unseres ganzen Lebens war vollständig dunkel: der Mutterleib. Warm, geschützt, ruhig. Kein Licht, keine Ablenkung, nur Herzschlag und Wachstum.


Unser erster Lebensraum war also Dunkelheit.

Irgendwann später scheint das Gehirn jedoch einen kleinen Hebel umzulegen und erklärt diesen Zustand plötzlich zum Feind. Ein interessantes Paradox der menschlichen Psyche.

Und doch bleibt die Dunkelheit in fast allen Kulturen etwas Bedeutungsvolles. Sie taucht in Religionen, Mythen und spirituellen Traditionen immer wieder auf. Mönche ziehen sich in dunkle Höhlen zurück. Mystiker suchen Stille und Finsternis. Meditation, Gebet und Innenschau finden oft dort statt, wo die Sinne nicht von Licht und Bewegung überflutet werden.


Denn in der Dunkelheit passiert etwas Faszinierendes.

Wenn die Augen nichts mehr zu tun haben, beginnen die anderen Sinne aufzuwachen. Geräusche werden deutlicher. Der eigene Atem wird hörbar. Gedanken treten klarer hervor – manchmal unbequem, manchmal überraschend weise. Viele Menschen berichten in der Dunkelheit von intensiven inneren Bildern, philosophischen Einsichten oder spirituellen Erfahrungen.


Nicht, weil dort etwas „Übernatürliches“ lauert.

Sondern weil endlich einmal Ruhe herrscht.

Die Dunkelheit ist kein Feind. Sie ist eher eine Umgebung, in der wir wieder lernen, uns selbst zuzuhören. Ein Raum, in dem die Sinne ihre ganze Feinheit entfalten dürfen und in dem unser Denken plötzlich tiefer wird.

Vielleicht liegt genau darin ihr Geheimnis.


Denn erst wenn wir beginnen, uns mit der Dunkelheit bewusst zu beschäftigen, erkennen wir, wie fundamental sie für alles Leben ist. Pflanzen wachsen im dunklen Boden. Sterne entstehen in dunklen Nebeln des Universums. Tiere ruhen, regenerieren und träumen in der Nacht. Und auch der Mensch braucht diese Phase der Stille, um geistig gesund zu bleiben.

Ohne Dunkelheit gäbe es keine Erholung.Keine Träume.Keine Sterne.

Und vielleicht auch weniger Philosophie.

Manchmal genügt ein Blick auf eine der bekanntesten Zeilen unserer Kultur, um das Ganze mit einem kleinen Lächeln zu betrachten:


Stille Nacht, heilige Nacht.


Zwei Worte, die Millionen Menschen jedes Jahr singen – und die daran erinnern, dass Dunkelheit nicht nur Furcht bedeuten kann.

Manchmal ist sie einfach der Raum, in dem das Wesentliche sichtbar wird. Nur eben nicht mit den Augen.


Nach 3 Tagen und Nächten begann ich die Dunkelheit zu definieren. Sie fühlte sich für mich weiblich an – schützend, wie ein weicher, warmer Mantel legte sie sich zart

um meinen Körper.  Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich die Finsternis als ein wunderbares Gefühl. Fast wie ein Segen, der mich einhüllt und wachsen ließ. Und wären nicht da draußen Menschen die gefährlich sein können, dann könnte man sie als das Maximum der Existenz bezeichnen. Ohne Dunkelheit kein Licht. Licht kann man erzeugen – Dunkelheit ist da.

Suyin


 
 
 

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