Gefährliche Dunkelheit ?
- Suyin Orlowski
- 17. März
- 2 Min. Lesezeit
Die meisten Menschen reagieren auf Dunkelheit wie auf einen alten Mythos. Kaum verschwindet das Licht, meldet sich im Kopf eine kleine Alarmanlage: Hier könnte etwas lauern.
Während meines ersten Dunkelretreats habe ich lange über diese Angst nachgedacht. Woher kommt sie eigentlich?
Ein Teil der Antwort liegt in unserer Kindheit. Geschichten, Filme und Drohungen prägen uns stärker, als wir glauben. In Märchen leben die Monster im Wald bei Nacht. In Filmen taucht der Täter aus dem Schatten auf. Manche Kinder erleben sogar Strafen, die mit Dunkelheit verbunden sind – der berühmte dunkle Keller. Das Gehirn lernt früh: Dunkelheit bedeutet Gefahr.
Doch wenn man einen Schritt zurücktritt und nüchtern hinschaut, wirkt diese Logik erstaunlich brüchig.
Gefährliche Dinge existieren auch im hellsten Sonnenlicht. Negative Gedanken verbreiten sich ebenso gut am Mittag wie um Mitternacht. Wildtiere warten nicht höflich auf den Sonnenuntergang, bevor sie gefährlich werden. Das sogenannte „Böse“ braucht keine Dunkelheit – es ist eine menschliche Eigenschaft, kein kosmischer Schatten.
Und doch passiert etwas Merkwürdiges in unserem Inneren. Sobald wir nichts mehr sehen, fühlen wir uns ausgeliefert. Die Augen – unser dominanter Sinn – treten zurück. Plötzlich müssen andere Wahrnehmungen übernehmen: Geräusche, Körpergefühl, Atem, Gedanken.
Das Unbekannte beginnt.
Paradox daran ist: Unser erstes Zuhause war vollkommen dunkel. Im Mutterleib. Warm, geschützt, geborgen. Dort entwickelte sich unser Körper, unser Herz begann zu schlagen, unser Gehirn zu wachsen.
Die Dunkelheit war unser Ursprung.
Genau deshalb hat sie in vielen Kulturen eine spirituelle Bedeutung. Fasten, Rückzug, Meditation und Dunkelretreats sind uralte Methoden, um den Geist zu klären. Wenn äußere Reize verschwinden, beginnt ein innerer Prozess. Gedanken werden langsamer. Gefühle deutlicher. Der Lärm der Welt verliert seine Macht.
Interessanterweise habe ich in meinen Retreats noch nie erlebt, dass jemand aus Angst abbrechen musste. Im Gegenteil. Fast alle Teilnehmer beschreiben am Ende ein Gefühl von Schutz und Ruhe. Viele entdecken eine überraschende Wärme in der Dunkelheit – als würde sie nicht verschlingen, sondern halten.
Manchmal entstehen sogar sehr praktische Veränderungen. Zwei Teilnehmer konnten ihre Sucht nach Tabak über oder mit Darkyoga besiegen! Ohne äußere Reize, ohne die üblichen Auslöser reduzierte sich das Verlangen. Der Geist hatte Raum, sich neu zu ordnen und diese lästige und ungesunde Gewohnheit auch nach dem Retreat in den Griff zu kriegen.
Dunkelheit kann also mehr sein als ein Ort ohne Licht.
Sie kann ein Raum der Begegnung sein – mit sich selbst.
In einer geschützten Umgebung, ob im Wald, in den Bergen oder in einem Retreat, verliert die Dunkelheit ihre Rolle als Feind. Sie wird : zu einer stillen Lehrerin.
Sie zwingt uns nicht, sie flüstert.Sie bedroht nicht, sie beruhigt.
Man könnte fast sagen: Dunkelheit ist eine Meisterin der Reduktion. Sie nimmt uns alles Äußere weg, damit wir das Innere wieder hören können.
Vielleicht erklärt das auch, warum die großen spirituellen Traditionen der Welt ihr immer einen Platz gegeben haben. Ohne Dunkelheit gäbe es keine Sterne. Kein Nachthimmel, keine Träume, keine „Heilige, Stille Nacht“.
Und ohne Dunkelheit würden wir vielleicht niemals erfahren, wie hell das Licht in uns selbst sein kann.
Suyin Orlowski



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